"Die Stationen sind so etwas wie ein lokales Fenster in die Regionen“

Die Wetterstation Ibbenbüren feierte ihr zehnjähriges Bestehen! Diplom-Meteorologe und Klimaexperte Sven Plöger war mit von der Partie.  Andre Hergemöller aus unserem Messnetz-Team nutzte das Zusammentreffen nach all den Jahren, mit Sven Plöger etwas über das Messnetz zu plaudern.

Die Wetterstation Ibbenbüren wurde im Jahr 2008 von der „Schule am Aasee“ ins Leben gerufen, die mittlerweile „GTS Laggenbeck“ (Gemeinschaftshauptschule Ibbenbüren) heißt. Zu verdanken war die Errichtung dem Engagement des damaligen Schulleiters, Herrn Klaus Jahn. Seit seiner Verabschiedung aus dem Schuldienst im Jahr 2009, setzt sein Nachfolger, Herr Michael Greiwe, dessen Arbeit erfolgreich fort. Die Schule nahm das Jubiläum zum Anlass, den Geburtstag am 1. März dieses Jahres in einem feierlichen Rahmen zu begehen. Ganz Ibbenbüren war zu der Feier eingeladen. 

Auch der Wetterexperte Sven Plöger hatte es sich nicht nehmen lassen, der Einladung nach Ibbenbüren zu folgen. Sven Plöger ist bekannt als Moderator der Wettersendung „Wetter vor acht“, der Sendungen im Anschluss an die Tagesthemen sowie für seine Moderationen zahlreicher TV-Wettersendungen in den Dritten Programmen der ARD. Mittlerweile reist er in Begleitung von Filmteams um die Welt, um den Zuschauern die Orte zu zeigen, „wo unser Wetter entsteht“, so der Titel der vielbeachteten zweiteiligen ARD-Dokumentation. Sven Plöger ist nicht das erste Mal in Ibbenbüren. Er hat die Wetterstation damals auch ganz offiziell eingeweiht. Als Beitrag zum zehnjährigen Jubiläum hielt Sven Plöger einen Wetter-Vortrag und gab den vielen Gästen Gelegenheit, ihm Fragen dazu zu stellen. Andre Hergemöller aus unserem Messnetz-Team hatte sich ebenfalls auf den Weg zu den Feierlichkeiten nach Ibbenbüren gemacht.

Diplom-Meteorologe und Klimaexperte Sven Plöger


Sven, wir würden gerne von dir erfahren, welche Bedeutung das MeteoGroup-Messnetz im Zusammenhang mit deiner Arbeit in den Medien hat. Genauer gesagt, welche Rolle spielt die Messnetzdichte für die Qualität der Regionalprognosen in Deutschland? 
Es ist jetzt wahrscheinlich wenig verwunderlich, dass ich sage: Eine große, eine sehr große! Denn die Computermodelle geben einen Gesamteindruck über das Geschehnis, also mit welcher Wetterlage ist zu rechnen. Wenn man dann lokal vor Ort aber genau wissen will, was sich wettermäßig dort tut, dann muss man, um diese Kenntnis zu haben, vor Ort lokal messen. Wir haben in den letzten Jahren, ich bin nun 20 Jahre dabei, so viel dazugelernt durch die Kenntnis der Orografie und der Luftströmungen, einfach weil wir die Stationen haben, so dass ich heutzutage sage: Ohne ein Stationsnetz ist die Wetterprognose wirklich nur die Hälfte wert!

Ich meine mich zu erinnern, dass Du damals bei der Einweihung hier in Ibbenbüren gesagt hast: „Die Stationen sind so etwas wie ein lokales Fenster in die Regionen“.
Ganz genau, das habe ich damals gesagt. Draußen auf der Straße hört man ja gerne mal den Satz: „Mensch Meteorologe, guck doch mal aus dem Fenster, dann weißt Du doch, wie es ist!“ Aber das trifft ja für uns nicht zu! Wenn ich in München im Wetterstudio sitze und das Fenster aufmache, sehe ich ja eben nicht, wie in Berlin oder Hamburg oder eben Ibbenbüren gerade das Wetter ist. Und deswegen ist die Wetterstation eben genau diese „Rausguck-Möglichkeit“. Die Stationen sind also meine ganzen Fenster, die ich aufmachen kann, um dann sagen zu können, wie das Wetter zum Beispiel in Ibbenbüren ist oder eben an einem der vielen anderen Orte, wo Wetterstationen stehen.“

Also machst Du im Grunde doch das Fenster auf und schaust, wie es draußen aussieht.
Ganz genau. Ich schaue quasi raus und kann mir damit natürlich noch einen viel dezidierteren Überblick verschaffen. Ich habe ja sehr viele Parameter, die ich mit den Wetterstationen abrufen kann. Sei das Temperatur, sei das Feuchte, sei das Wind. Und wenn ich diese Parameter habe, bin ich als Meteorologe gut ausgestattet und entsprechend zufrieden. Und ich weiß, dass sich sehr viele Menschen, die unsere Sendungen gucken - ich sehe das z.B. an vielen Mails - intensiv dafür interessieren: Was wird lokal an einer Wetterstation gemessen? Und es gibt viele Leute, die diese Werte jeden Tag abrufen. Somit ist es auch für Laien hilfreich, ein dichtes Wetterstationsnetz zu haben.

Diese Erfahrung machen wir natürlich in unserer täglichen Arbeit auch.
Ich habe auch einmal gesagt, das Wetterstationsnetz muss am Ende so dicht sein, dass man alle 50 Meter gegen eine Station prallt, wenn man auf die Straße geht. Gut, das würde ich heute vielleicht ein wenig zurücknehmen. Aber: Je dichter das Netz, desto mehr Detailwissen hat der Meteorologe.

Gibt es denn spezielle Wetterlagen, bei denen es besonders wichtig, auf lokale Messpunkte zuzugreifen?
Also lokale Messungen sind immer wichtig, ganz besonders aber in einer orografisch sehr gegliederten Landschaft. Ich nenne hier mal beispielhaft den Schwarzwald. Aber z.B. auch, wenn man hier in die Region Ibbenbüren geht, wo es rauf geht Richtung Teutoburger Wald. Dann habe ich sehr viele Strömungsrichtungen durch die Taleinschnitte. Der überlagerte Wind kann dadurch dann in eine teilweise völlig andere Richtung wehen. Diese Kenntnis liefern mir ausschließlich Wetterstationen vor Ort, ein Satellit kann so etwas nicht leisten. Es gibt auch andere Wetterlagen, wo der lokale Messpunkt extrem wichtig ist, z.B. bei Hagel. Wenn ich dann mein Erdbodenthermometer kontrolliere und sehe etwa null bis fünf Grad an einem Sommertag, wo auf 2 Meter Höhe erst 27 Grad und später im Schauer 20 Grad gemessen worden sind, dann weiß ich: Ah, da muss unten wohl irgendwas rumliegen, was die Kälte produziert. Das heißt, ich habe die Information, dass es wohl gehagelt hat. Es sind aber auch Wetterlagen, wie z.B. Nebellagen. Ich kann dann neben den Satellitenbildern aufgrund des Parameters Feuchtigkeit sehr genau sagen, wo ist jetzt der Nebel und wo ist er nicht. Die Bilder liefern da viel, aber die Wetterstationen geben mir eine zusätzliche Information. Oder Föhnlagen. Werden dann weniger als 4 Prozent relative Luftfeuchtigkeit gemessen und dann herrscht natürlich Sicht bis zum Anschlag. Laut Physik kann man unter den optimalen Bedingungen 270 Kilometer weit gucken. Ich spreche hier von der Sichtweite durch die Luftmasse, nicht von der Begrenzung durch Erdkrümmung.

Da kommt die terrestrische Refraktion ins Spiel! Also etwas verständlicher gesprochen, die Brechung eines Lichtstrahls in der untersten Erdatmosphäre…
So ist es, da spricht der Fachmann!

Jetzt vielleicht einmal ein Blick in Richtung der Lokalprogramme, sprich ARD mit WDR, NDR und so weiter. Was würdest Du sagen: Welchen Stellenwert haben die Wetterstationen speziell für das Lokalkolorit in den Dritten Programmen. Werden da besondere Akzente gesetzt? 
Die Wetterstationen setzen besondere Akzente für unsere Regionalsendungen. Weil die ARD ja ein Verbund der regionalen Sender ist, können wir durch unsere Wetterstationen einen wirklichen Mehrwert in der Region schaffen. Im WDR, NDR, RBB und auch im SWR können wir uns viel genauer auf kleine Gebiete in der Region fokussieren. Das schafft eine genauere Prognose und mehr Nähe zum Zuschauer. Allerdings ist die kleinräumige Wetterprognose auch schwerer, das wissen wir alle.

Wenn sich die Frontensysteme bewegen und wenn sich das dann um 50 Kilometer verschiebt, ist es für eine Region oder eine Stadt gesprochen natürlich gleich eine grundsätzliche Veränderung. Und da ist es extrem hilfreich, die Stationen und ihre Messgenauigkeit zu haben. Und noch etwas: Die Zuschauernähe entsteht durch die Wahrnehmung dessen, was lokal vor Ort passiert. Wenn ich im WDR dann eine Station nenne - z.B. Ibbenbüren - dann fühlt sich der Zuschauer sofort direkt angesprochen und spürt, dass es uns etwas angeht, was er vor Ort erlebt. Mit den Wetterstationen und den so möglichen sehr lokalen Wetterberichten leben wir die Idee des Regionalfernsehens, sprich der Dritten Programme.

Verstehe, der Zuschauer fühlt sich direkt angesprochen und integriert in den Wetterbericht.
Genau, es ist sofort ein Bezug zum Zuschauer da. Er sieht mich als Wettermann dann auch sofort in seinem Wohnzimmer und sagt: Hey, den kenne ich, und er hat von unserer Wetterstation gesprochen. Das heißt, es ist eine positive Emotionalität, und sowas braucht man ja auch. Eine Wetterstation selbst ist ja nicht sonderlich emotional, die gibt die Daten wieder. Aber diese Verbindung wird hergestellt. Das finde ich eine schöne und wichtige Sache - auch für das Fernsehen sehr wichtig.

Noch eine letzte Frage Sven, ich weiß, dein Zeitplan ist eng heute und Münster wartet schon auf dich. Willst Du uns noch etwas mit auf den Weg geben, also hast Du Wünsche oder Anregungen für die Zukunft?
Grundsätzlich muss ich sagen, haben wir ein wirklich sehr gutes Stationsnetz, was andere nicht haben und was uns auch ein Alleinstellungsmerkmal liefert. Ich war ja während der Anfangszeit des Aufbaues mit dabei und habe das alles sehr intensiv verfolgt - mit einer großen Begeisterung. Ich erinnere mich ganz genau, die Station Heitersheim war 1997 die erste Station, die das neue Wetterstationsnetz - damals noch von Meteomedia - begründet hat.

Und ich wünsche mir, dass alles weiterhin sehr gut gepflegt wird. Daran ist ja auch maßgeblich Gery Keller beteiligt. Es gefällt mir sehr, dass dort jemand so Kompetentes im Einsatz ist, mit dem ich seit bald zwei Jahrzehnten freundschaftlich verbunden bin. Er und sein Team kümmern sich intensiv um das Stationsnetz – das ist wichtig und notwendig!

Vielleicht kann an der einen oder anderen Station nochmal die Aufstellung überprüft werden, damit man den Messwerten immer hundertprozentig vertrauen kann. Darum kümmert sich mit großem Einsatz Andre Hergemöller, der die Werte täglich auf Plausibilität prüft und gegebenenfalls mal einen Wert mutiert. Was manchmal ein Problem ist, wo ich mir also auch eine Verbesserung wünsche, ist die Netzverbindung. Ich bin kein EDV-Fachmann, aber wir haben immer mal wieder Ausfälle von Meldungen, auf die wir natürlich ungern verzichten wollen.

Das liegt leider nicht immer in unserer Hand, da machen uns teilweise netzbedingte Abrufprobleme einen Strich durch die Rechnung. Wir werden jedenfalls ganz bestimmt immer unser Bestes geben! Toll, dass Du dir die Zeit genommen hast. Hat mich sich gefreut!
Andre, sehr gerne! Mich auch. War mir ein Vergnügen.

Das Gespräch führte Andre Hergemöller

Demjenigen, der sich weiterführend mit dem Thema Wetter und Klima beschäftigen möchte, sei das 2017 im Besler Verlag erschienene Buch „Wie Wind unser Wetter bestimmt - Auf Wettertour mit Sven Plöger“ empfohlen.  Gerade für Wetterstationsbetreiber dürfte das eine interessante Lektüre sein.

 

 

Die Wetterstationen setzen besondere Akzente für unsere Regionalsendungen. Weil die ARD ja ein Verbund der regionalen Sender ist, können wir durch unsere Wetterstationen einen wirklichen Mehrwert in der Region schaffen. Im WDR, NDR, RBB und auch im SWR können wir uns viel genauer auf kleine Gebiete in der Region fokussieren. Das schafft eine genauere Prognose und mehr Nähe zum Zuschauer.